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Mord und Ratschlag

Ekkehard Knörer (z. B. Perlentaucher) hat Geheimtipps, Meisterwerke und seine Lieblingsbücher der Kriminalliteratur für das phil zusammengestellt und die Liste kommentiert.

02/09/2007 Phil Mahre biblio.phil 0 Kommentare

 Michael Innes: Applebys End (1946)

Unter den Klassikern des britischen Rätselkrimis sind die Werke des im wirklichen Leben als Literaturprofessor in Oxford lehrenden Schotten Michael Innes (eigentlich: John Innes Mackintosh Stewart) – die guten jedenfalls – wohl die witzigsten und weltäufigsten. Mit seinem, im Laufe der langen Serie Karriere machenden Inspektor Appleby, droht es schon bei diesem, seinem ersten Fall zu Ende zu gehen. Mehr Screwball Comedy als Kriminalroman: ein Vergnügen in jedem Fall.

Patricia Highsmith: Tiefe Wasser (1957)

Eines von Highsmiths brillantesten Porträts eines pathologischen Charakters, geschildert mit Kälte und moralischer Indifferenz, die schaudern macht. Vor dem Blick Highsmiths, den sie mit dem Mörder Vic van Allen unaufgeregt teilt, zergeht, was Recht und Gesetz aufrecht erhält. Wer sich gerne den Boden unter den Füßen wegziehen lässt, der ist bei Highsmith richtig. In den USA war die Autorin damit, wie der durchaus artverwandte Charles Willeford, übrigens nie wirklich erfolgreich.

Sjöwall/Wahlöö: Der Mann, der sich in Luft auflöste (1966)

Wie es so oft geht: Die sozialdemokratischen Nachahmer der schwedischen Sozialkrimierfinder waren bald nicht mehr zu ertragen (und Henning Mankell ist wohl auch noch eine Spätfolge) – das Original aber überragt sie alle bis heute. Bewundernswert die Geduld, mit der hier die wenig spektakuläre Welt des Polizisten Martin Beck entfaltet wird; wenig geschieht, das aber mit großer Präzision im Detail.

Ross Thomas: The Fools in Town Are on Our Side (1970) / vergriffen

Mit Ross Thomas kann man kaum Fehl gehen; dies aber, die Geschichte einer Stadt, in der rabiat aufgeräumt wird, ist vielleicht sein schönster Roman. Großartig die biografische Vorgeschichte  der Hauptfigur. Trockener Witz, komplizierter Plot (wie immer bei Thomas): grandioses Buch.

Jean-Patrick Manchette: Tödliche Luftschlösser (1972) 

Manchette war ein Gigant der französischen Krimiszene, die er mit seinen “neo polars” fast im Alleingang umgekrempelt hat. Vorbilder im Hardboiled-Bereich, aber auch bei Theorie und Praxis der kulturrevolutionären Situationisten. Hier geht es mit einem magenkranken Killer, einem Kind, das ein Monster, einem Kindermädchen, das gewitzt allen Attacken trotzt, rasant zu, brutal und komisch.

James Crumley: Schöne Frauen lügen nicht (1975)

 Milton Miodragovitch ist ein wenig erfolgreich Privatdetektiv im Touristenkaff Meriwether, hat eine Bar und ermittelt störrisch, aber in Zeitlupe. Aus diesen Prämissen macht Crumley in der Chandler-Tradition ziemlich große Literatur um ihrer Hoffnungen beraubte Existenzen.

K.C. Constantine: Tomaten von unten (1982) / vergriffen

Recht weit links, weit abseits nicht nur des Krimi-Mainstreams in Amerika schreibt Jahr für Jahr K.C. Constantine seine wunderbar genauen Sozialstudien. Ginge es in der Welt gerecht zu, wäre sein inzwischen pensionierter Polizist Mario Balzic mindestens so berühmt wie Henning Mankells so viel grober gestrickter Held Wallander. Dringende Empfehlung an alle, für die Kriminalliteratur nichts mit Eskapismus zu tun haben muss.

Charles Willeford: Miami Blues (1984)

Zu Willeford kam der Ruhm erst spät, mit diesem Roman um den halbwegs anständigen Ermittler Hoke Moseley. Seine wirklich großen, wirklich verstörenden Werke – etwa “Black Mass of Brother Springer”, im nächsten Jahr als “Die schwarze Messe” auf Deutsch - , die unbedingt zu den Höhepunkten der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehören, hatte er da längst geschrieben. “Miami Blues” aber ist ein wunderbarer Beginn für Willeford-Anfänger, drei weitere Romane um Moseley folgten, dann starb Willeford.

Walter Satterthwait: Mit den Toten in Frieden (1990)

Satterthwaits Romane sind, nachdem er seine Serie um den Detektiv Joshua Croft aufgegeben hat, ehrgeiziger, dicker, aber nicht unbedingt besser geworden. Das klassische Format, scheint es, liegt ihm am besten. Und dies wiederum ist der Höhepunkt der Serie, die in Santa Fe spielt, wo der weit herumgekommene Autor heute auch lebt.

Bill James: Auf Rosen gebettet (1993) / vergriffen

Der britische Autor Bill James hat mit seinem Ermittler Colin Harpur einen atemberaubenden Unsympathen in die Welt gesetzt. Hier stirbt seine Frau, ihn lässt das herzlich kalt.

Derek Raymond: Roter Nebel (1994) / vergriffen

Unter den britischen Größen der Kriminalliteratur vielleicht die bedeutendste – und in Frankreich unter dem eigentlichen Namen Robin Cook (mit dem Arztthrillerautor keinesfalls zu verwechseln) berühmter als in der Heimat. Mit der guten englischen Rätselkrimitradition hat das nicht das mindeste mehr zu tun: abgrundtiefe Finsternis stattdessen, Leid und Totschlag als Existenzform.

S.J. Rozan: Concourse (1995)

Rozan, die vielleicht beste der neueren US-Privatdetektiv-AutorInnen, ist hierzulande noch weithin unbekannt und unübersetzt. Vielleicht ändert sich das mit ihrem ersten außerhalb der vertrauten Serie stehenden neuen Roman “Absent Friends”, der diesen Herbst erscheint. “Stone Quarry” ist ein Roman der Serie, die die Eigenheit hat, dass die Romane abwechselnd von einem Privatdetektiv, dem melancholischen Bill Smith und einer Privatdetektiven, der Asian American Lydia Chin erzählt werden, die jeden Fall im Team bearbeiten.

James Ellroy: Ein amerikanischer Thriller (1995)

Am begnadeten Selbstdarsteller und seinem zunehmend in Richtung Manier tendierenden Stakkato-Stil scheiden sich längst die Geister. Dass er große amerikanische Stoffe wie in diesem Fall den Kennedy-Mord groß anpackt, daran besteht aber kein Zweifel.

Scott Turow: Das Gesetz der Väter (1996)

Turow wird von wenig informierter Seite gerne als Justiz-Thriller-Schreiber à la John Grisham betrachtet. Das ist in fast jeder Hinsicht falsch, denn Turow ist ein Romancier, dessen Vorbilder im psychologischen Realismus des 19. Jahrhunderts liegen (Dickens!). "Das Gesetz der Väter" ist sein ambitioniertestes Buch bisher, darin wird mit viel Sympathie die Geschichte der amerikanischen 68er Generation aufgerollt. Fesselnd und komplex.

George Pelecanos: King Suckerman (1997)

In den USA hat Pelecanos, dessen Romane alle in Washington D.C., aber in der Regel nicht in der großen Welt der Politik spielen, sondern in der eher kleinen der griechischen Einwanderer, den Durchbruch geschafft. In Deutschland ist vor allem seine historische Trilogie um Peter Karras bekannt geworden.

Fred Vargas: Bei Einbruch der Nacht (2000)

Die nur unter diesem Pseudonym bekannte Autorin ist eine der großen Entdeckungen der Kriminalliteratur der 90er Jahre. Gewitzt, gewandt, gebildet und ein bisschen schnurrig sind ihre Figuren. Dazu schreibt Vargas wunderbare Dialoge und nimmt das alles nicht ernster als nötig. In diesem Roman geht es um Wölfe und Schafspelze.

Thomas Perry: Sicher ist nur der Tod (2001)

Vielleicht der beste lebende amerikanische Thriller-Autor, nach wie vor weit unter Wert gehandelt. Raffiniertere Fälle – hier um einen Versicherungsbetrug – denkt sich nach Ross Thomas‘ Tod keiner mehr aus, atemberaubender setzt sie keiner in Szene. Sehr empfehlenswert auch Perrys Serie um die indianischstämmige Identitätsveränderungsbetreuerin Jane Whitfield.

Thomas Glavinic: Der Kameramörder (2002)

Was leicht zu wohlfeiler Medienkritik verkommen könnte, wird zur eiskalten Studie eines Mörders, am ehesten vielleicht in der Highsmith-Tradition. Ein Roman der schrecklich leisen Töne.

Liza Cody: Gimme More (2003)

Eine der ungewöhnlichsten, aber gerade in dieser Ungewöhnlichkeit überzeugendsten Figuren der jüngeren britischen Literatur hatte Liza Cody mit ihrer Catcher-Detektivin Eva Wylie geschaffen. In “Gimme More”, der nach den strengen Regeln der Kunst beinahe kein Kriminalroman ist – aber was soll’s – übertrifft sie sich selbst und entwirft mit Brio eine Frau, wie man sie noch nicht kannte: die mit allen Wassern gewaschene.

Heinrich Steinfest: Ein sturer Hund (2004)

Der in Stuttgart lebende Österreicher Steinfest ist ein Original unter den Krimiautoren. Konventionen scheren ihn wenig. So führt er seine Hauptfigur hier erst ein, als schon eine ganze Menge Wasser den Neckar hinuntergeflossen ist. Seine Plots durchzieht stets der Wahnsinn – der eigentliche Gegenstand aber ist stets Steinfests Sprache, die gewagte Metaphern und Bilder sucht und findet.

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