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Leseliste

Film

Die von Alexander Horwath kommentierte Urliste zum Thema Film, zu der sich mittlerweile einge interessante Neuerscheinungen gesellt haben:

01/09/2007 phil eva biblio.phil 0 Kommentare

GRUNDLAGEN

Pam Cook / Mieke Bernink, The Cinema Book [2nd edition], London 1999

Viele Bücher in einem Buch. Eine Art Enzyklopädie, die die unterschiedlichen Genres, historischen Epochen, Gattungen und Stile, theoretischen Ansätze und andere Filmliteratur vorstellt, damit sich jede/r ein möglichst umfassendes Bild machen kann, bevor er/sie in die Tiefe taucht.

James Monaco, Film verstehen, Reinbek bei Hamburg 2000

Ein schlechtes Buch: wenn es – wie so oft im Unterricht und auf den Unis – alle anderen ersetzen soll, nur weil die Profs und Studis es sich leicht machen wollen. Ein gutes Buch: wenn es bewußt als „Primer“ benützt wird, als erste Einstiegshilfe ins riesige Gebiet Kino. Wenn man den ganzen Reichtum dieses Gebietes kennengelernt hat, wird „der Monaco“ überflüssig, und das ist gut so.

David Bordwell, On the History of Film Style, Cambridge 1997

Kein großer Literat, kein vogelfrei spekulierender Visionär, sondern ein strenger (und leicht lesbarer) Beobachter der Filmstile: Wie kommen Filmemacher zu ihren Lösungen und Auflösungen? Welche Lösungen sind das überhaupt? Wie „beeinflussen“ Filme andere Filme? Welche Gestaltungsfiguren hat das Kino entwickelt? Und was ist die Pragmatik des Kinos – jenseits der „genialen Eingebungen“?

Georg Seesslen, Grundlagen des populären Films [bisher 7 Bände der Neuausgabe erschienen: Western, Thriller, Science Fiction, Erotik, Abenteuer, Detektive, Horror],  Marburg 1995ff.

Sesslen schreibt viel, und überall, und über Vieles. Zumindest siebzig Prozent davon sind erstklassig. Sein Hauptwerk: das mehrbändige Panorama des Genrekinos. Seesslens Motor ist die Analyse der stärksten Kinolüste. „Das Schwarz des Kinos, die dichte Ansammlung von Menschen, ein Ort der Ungebundenheit. Und es ist diese Ungebundenheit, diese Lässigkeit der Körper, die am besten die moderne Erotik definiert, nicht die der Publicity oder des Striptease, sondern die der Großstadt. In eben diesem städtischen Schwarz ist die Freiheit des Körpers am Werk. Die unsichtbare Arbeit aller möglichen Affekte im kinematographischen Kokon: Weil ich eingeschlossen bin, arbeite und erstrahle ich in all meinem Begehren.“ (Roland Barthes)

magnum cinema. photographs from 50 years of movie-making. Introduction by Alain Bergala, London 1995

Ein Bilderbuch. Die besten Fotoreporter des 20. Jahrhunderts hinter den Kulissen der Filmproduktion. Nach der Glamourfotografie der 20er und 30er Jahre (Stars in Pose und Kunstlicht) kommt die Unglamourfotografie der Nachkriegszeit: „unbeobachtet“, „ungestellt“, „echt“, „on location“ werden die Göttinnen und Götter des Kinos allerdings erst recht glamourös. Der Olymp der Illusionen, über die Bande der Wirklichkeit gespielt.

Gilles Deleuze, Kino 1: Das Bewegungs-Bild [1983] + Kino 2: Das Zeit-Bild [1985], Frankfurt a.M 1989

Eine umfassende Terminologie und Geschichtsphilosophie des Kinos, die nicht protzig von außen kommt, sondern von innen, von der Begeisterung für die großen Filme und Filmemacher. Der Einstieg ist nicht ganz leicht, das Ergebnis aber unverzichtbar. „Es ist zweifelhaft, ob das Kino hierzu ausreicht; doch wenn die Welt zu einem schlechten Film geworden ist, an den wir nicht mehr glauben, kann dann nicht ein wahres Kino dazu beitragen, uns Gründe dafür zu liefern, an die Welt und die ohnmächtig gewordenen Körper zu glauben?“ (Deleuze)

John Wakeman, World Film Directors 1890-1945 + 1945-1985 [2 Bände], New York 1987 und 1988

SEHR HILFREICH UND GUT, ABER AUS.

CINEPHILIE - KRITIK - THEORIE 

Manny Farber, Negative Space. Manny Farber on the Movies [Expanded edition], Cambridge 1998

Pauline Kael ist vielleicht bekannter, aber der einflußreichste Filmkritiker aus den USA war und ist Manny Farber. Zwischen Ende der 40er und Mitte der 70er Jahre hat er über scharfe, harte, bewegliche, poptaugliche Filme geschrieben („Termite Art“ versus „White Elephant Art“), aber auch über Fassbinder und Michael Snow. Farber ist unter den Filmkritikern der Action-Painter, der Cool-Jazz-Solist, der stilistisch und gedanklich freieste Geist.

Frieda Grafe, Schriften, hg. von Enno Patalas, bisher 4 Bände erschienen, Berlin 2002ff

rieda Grafe (2002 verstorben) war unter den Filmkritikern die „Neue Welle“, die hipste und belesenste von allen. In die deutsche Schreibe über Film hat sie das französische Element massiv eingebracht, ihr Briefwechsel mit Josef von Sternberg, ihre Essays über Ophüls, Fritz Lang, Farbe im Kino usf. sind die hohe Schule. Kino ist für sie, wie für Godard: „nicht die Reflexion der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit dieser Reflexion“. Grafes Schreiben (wie jenes von Manny Farber und Serge Daney) war nicht Journalismus, sondern Literatur des 20. Jahrhunderts.

Cahiers du Cinéma. The Fifties + The Sixties, ed. by Jim Hillier [2 Bände], Cambridge 1985 und 1986

Das beste aus den klassischen Cahiers du Cinéma, in englischer Übersetzung. Auf deutsch ist kaum etwas verfügbar, daher greife man (wenn nicht französischsprachig) zu dieser Edition: mehrere Essentials (von Bazin, Godard, Rivette, Truffaut, Chabrol), viele spannende „Randtexte“, einige Gesprächsrunden – und insgesamt: ein Einblick in jenes bübisch-cinephile Begeisterungsmedium, das die Vorstellung von Film verändert hat.

Serge Daney, Von der Welt ins Bild. Augenzeugenberichte eines Cinephilen, Berlin 2000

Nach den klassischen Cahiers du Cinéma kam 1968, die Debatten über Kino & Politik, und aus diesen stieg ein Schreiber hervor, der wie kein anderer den schärfsten Stand der Filmkritik zwischen 1975 und 1992 (seinem Todesjahr) verkörpert: Serge Daney. Die Welt und das Kino sind hier keine Gegensätze, sondern in einen sozialen und ästhetischen Zusammenhang verwoben: „Eine Kino-Figur gehört nie einem einzigen Film alleine, sie existiert auch in anderen Räumen, in anderen Geschichten.“

Elisabeth Büttner, Projektion. Montage. Politik. Die Praxis der Ideen von Jean-Luc Godard und Gilles Deleuze, Wien 1999

Ausgehend von Godards Film- und Video-Essays (vor allem seit 1970) und von Gilles Deleuze’ beiden Kinobüchern, hat Elisabeth Büttner eines der dichtesten, klügsten und konzentriertesten Filmbücher deutscher Sprache geschrieben. „Die Widerstandskraft der Gegenwart braucht die kinematografischen Bilder, die stets zu anderen Bildern überleiten.“

J. Hoberman, Vulgar Modernism. Writing on Movies and Other Media, Philadelphia 1991

Vulgar modernism” – ein typisch Hoberman’scher Begriff, der davon spricht, wie im Kino (z.B. bei Frank Tashlin, Jerry Lewis, in den Bugs-Bunny-Filmen, aber auch in der Avantgarde) die Moderne und das Billige, Schundige auf prachtvolle Weise zusammengehen können. Diese Anthologie mit Texten des Village-Voice-Kritikers ist speziell aufs Kino der 70er und 80er Jahre abgestellt.

Jonathan Rosenbaum / Adrian Martin, Movie Mutations. The Changing Face of World Cinephilia, London 2003

„Es muß ein Gefühl gegeben haben, der Welt anzugehören, wenn wir ins Kino gingen, ein Gefühl von Brüderlichkeit und Freiheit, von dem das Kino zeugte.“ (Jean-Luc Godard) Ob und wo und unter welchen Umständen sich diese klassische Erfahrung der Cinephilie heute noch machen lässt, beschreibt das Buch von Rosenbaum und Martin. Ein offener, steinbruch-artiger Band, zusammengesetzt aus Gesprächen, Interpretationen, Briefwechseln – über zeitgenössisches Kino, Filmfestivals, Hawks und Masumura, Hollywood und Avantgarde, Hou Hsiao-hsien und Tsai Ming-liang, Globalisierung und die Notwendigkeit des Lokalen. 

Jonathan Rosenbaum, Moving Places. A Life at the Movies [1980], Berkeley 1995

SEHR PERSÖNLICH UND GUT, ABER AUS. 

GESCHICHTE(N)

Walter Benjamin, Illuminationen, Frankfurt a. M. 1977

Wer nicht dem linearen, pseudo-kausalen, pseudo-vertrauenswürdigen Geschichtsbild des Historismus anheimfallen will; wer Film nicht im Modus „und dann, und dann, und dann“ kennenlernen will, sondern die räumlich-zeitliche Explosivkraft von Geschichte und Kino spüren will, sollte bei Benjamin beginnen (oder zu ihm zurückkehren). „Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit, sondern die von der Jetztzeit erfüllte bildet.“

Greil Marcus, Lipstick Traces. A Secret History of the Twentieth Century, Cambridge 1989

Noch ein Buch, das kein Filmbuch ist, aber beim Filmverstehen hilft. Die Doppelgeschichte von Punk (London ca. 1976, Sex Pistols, Malcolm McLaren) und Situationismus (Paris ca. 1960, Guy Debord, „détournement“) – als Vorbild für viele andere „Geheimgeschichten“ und „Spurenlesungen“, die noch zu betreiben wären. „Die Geschichte besteht aus nicht zu Ende geschriebenen, unfertigen, plötzlich abgebrochenen Sätzen.“ (Robert Musil)

Leo Charney / Vanessa R. Schwartz, Cinema and the Invention of Modern Life, Berkeley 1995

„Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Dann kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt, so daß wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen.“ (Walter Benjamin) Das Buch von Charney und Schwartz setzt diese Reisen fort und untersucht die Geburt des Kinos im Umfeld der anderen modernen Wahrnehmungsrevolutionen. 

Robert B. Ray, A Certain Tendency of the Hollywood Cinema 1930-1980, Princeton 1985

Eine originäre und gut nachvollziehbare Anwendung von Ideologiekritik auf die Herausbildung und Entwicklung des klassischen amerikanischen Kinos. Ray schätzt Hollywoodfilme, ist aber nicht blind für ihre „politischen Projekte“. Eine kluge Reise vom frühen Genrekino (Gangsterfilme etc.) bis zum New Hollywood der 70er Jahre („The Godfather“, „Taxi Driver“ etc.).

Gilberto Perez, The Material Ghost, Baltimore/London 1998

Freie, unbestechliche Gedanken über das Kino als Ganzes, über Illusionen und Geschichte, und über die großen Filmemacher, z.B. über Renoir, Godard, Straub/Huillet und John Ford: „Ford wird heute vielfach als nostalgischer Konservativer angesehen. Aber seine Sehnsucht richtete sich nicht auf etwas, das einstmals ‚am Platz‘ war und Geltung beanspruchte (oder gar nur in der Einbildung existierte). Ein schaute zurück auf eine Vergangenheit, die auf eine Zukunft voraus schaute. Seine Hochachtung galt den Ausblicken, dem Streben, dem mühevollen Ringen. Er feierte das Offene und Unfertige – wie den kärglichen, unbebauten Kirchplatz, wo Wyatt Earp für alle Zeit mit Clementine tanzen wird.“

Anne Friedberg, Window Shopping. Cinema and the Postmodern, Berkeley 1993 

Das beste Buch über Film und Postmoderne, ein Vergleich von circa-1900 mit circa-2000, mit wunderbaren Passagen über Warenhäuser, Gefängnis, Eisenbahn, Shopping Malls, Musikvideos (Foucault ist ein starker Einfluss). Friedberg geht von ihrer eigenen Realitäts- und Bildererfahrung in Los Angeles aus, ihr Buch strahlt in schönster Ambivalenz. „Ich gehe ins Kino, weil ich mir wünsche, daß es eine Welt gibt.“ (Frank Böckelmann)

Siegfried Zielinski, Audiovisionen. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte, Reinbek bei Hamburg 1989strong

"Eine Geschichte der Medien, die nicht linear auf Kino oder Fernsehen zusteuert, sondern ein weites Terrain medialer Optionen und Mutationen beschreibt, von den laufbildgebenden Apparaturen des 19. Jahrhunderts über das frühe Fernsehen bis zum digitalen Kino und zur Multimediagesellschaft. Implizites Motto: „Die Vergangenheit und die Gegenwart, die sie über sich spürten, waren Wellen ein und desselben Ozeans.“ (Jean-Luc Godard, Nouvelle vague)

Christian Cargnelli / Michael Omasta, Aufbruch ins Ungewisse Wien 1993

SEHR EPOCHAL UND GUT, ABER AUS.

POLITIK – AVANTGARDE – KINO/KUNST

Scott MacDonald, A Critical Cinema. Interviews with Independent Filmmakers [bisher 3 Bände], Berkeley 1988, 1992 und 1998

„Man braucht ein Laboratorium, sonst kommt nichts dabei heraus. Man muß Vorbilder für das Neue schaffen.“ (Dziga Vertov) Zu einem Laboratorium gehört die konstante Präsenz des bisher Geleisteten. Wer Neues wagen möchte, kann auf das Neue früherer Epochen nicht verzichten. Hier ist es dokumentiert: Scott MacDonalds Lebenswerk ist die Niederschrift von intensiven Gesprächen, die er mit unabhängigen, radikalen, avantgardistischen Filmkünstler/innen geführt hat. Bislang existieren drei Bände, mit Interviews von Martin Arnold bis John Waters, von James Benning bis Yoko Ono, von Michael Snow bis Yvonne Rainer.

Hans Scheugl, Erweitertes Kino. Die Wiener Filme der 60er Jahre, Wien 2002

Die wundersame Geschichte des heimischen Weltklassefilms, im Underground, an der Grenze zu Kunst und Politik, ziemlich expanded – und lebendig beschrieben von einem, der selbst mit dabei war. „Im Kino sahen wir mit Absicht die ‚falschen‘ Filme, nicht ihrer längst bekannten Geschichten und Figuren wegen, sondern weil sie uns ein besseres Geheimnis versprachen. Ein besseres Geheimnis: keine zauberhaften Bilder, sondern den Zauberer selbst, etwas Ungeschautes, das mitten im Sichtbaren begann.“ (Diego Vildosola) Der Wiener Film der 50er und 60er Jahre hat dieses „Ungeschaute“ direkt angesteuert.

Richard Porton, Film and the Anarchist Imagination, London-New York 1999

Ein seltenes, spannendes, eigenwilliges Thema: Film und Anarchismus. Zugleich eine kurze Geschichte des Anarchismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen Bunuel, Vigo, die revolutionären sowjetischen Filmemacher, aber auch die Darstellung von Anarchisten in kommerziellen Filmen (z.B. bei Hitchcock). „Der Film ist die der gesteigerten Lebensgefahr entsprechende Kunstform“ (Walter Benjamin).

Kerry Brougher, Hall of Mirrors. Art and Film Since 1945, Los Angeles 1996

Ein bilderreicher Ausstellungskatalog, aber was für einer! Die Doppelhelix-Beziehung zwischen Film und der bildenden Kunst war in den letzten 10, 12 Jahren eines der meistdiskutierten Themen. Die Ausstellung in L.A. brachte dabei unüblich viel Respekt für das Kino auf. Die Illustrationsleistung des Buchs ist sensationell, die Texte vielfältig (besonders stark: die historische Übersicht des Herausgebers, der Essay von Jonathan Crary, die Montage von Molly Nesbit). Und 100 Künstler: Von Weegee bis Warhol, von Joseph Cornell über Bruce Conner bis Martin Scorsese, inklusive aktueller Kunst-Stars (Stan Douglas, Jeff Wall, Hiroshi Sugimoto, Douglas Gordon ...), die sich massiv aufs Kino beziehen.

J. Hoberman, The Dream Life. Movies, Media and the Mythology of the Sixties, New York 2003

Ein ideenreiches, wunderbar formuliertes Buch, das den Film als Teil des öffentlichen Imaginären in den USA diskutiert: der Kalte Krieg, die Kubakrise, der Aufstieg des Fernsehens und des neuen Dokumentarismus, der Underground und die Beat-bis-Hippie-Generation, die politischen Attentate, der JFK/Zapruder-Film, ein Land am Abgrund: Das US-Kino ist kaum je so nah an der gesellschaftlichen Verstörung drangewesen. „Das Kräftemessen zwischen Fiktion und Realität ist die Signatur der kinematografischen Wahrnehmung.“ (Elisabeth Büttner)

Amos Vogel, Film als subversive Kunst [1974], Wien 1997 SEHR BAHNBRECHEND UND GUT, ABER AUS.

Gottfried Schlemmer, Avantgardistischer Film 1951-1971. Theorie, München 1973 

SEHR WESENTLICH UND GUT, ABER AUS.

David James, Allegories of Cinema. American Film in the Sixties, Princeton 1989

SEHR KLUG UND GUT, ABER AUS.

FILMGENRES – GESCHICHTE(N) UND THEORIE

Richard Slotkin, Gunfighter Nation. The Myth of the Frontier in 20th Century America, New York 1992

Slotkin ist – von der Ausbildung her – kein Filmmensch, sondern ein Historiker. Seine Geschichte der USA, und besonders des „Frontier-Mythos“ benützt aber nicht nur harte Fakten, sondern vor allem die Mentalitätsgeschichte und den populären offentlichen Diskurs. Dazu zählen, neben Zeitungen und Medien, natürlich vor allem Filme. Slotkin wählt das Western-Genre – und führt auf bestechende Weise vor, wie sich Politik und das Imaginäre, Populäre aneinander klammern. Nur scheinbar ein Paradox: Die Passagen über den Vietnamkrieg zählen zum Besten, was über Western je geschrieben wurde.

James Naremore, More than Night. Film Noir in its contexts, Berkeley 1998

Das eindeutig beste Buch über den Film Noir. Naremore ist belesen und historisch-theoretisch sehr versiert, zugleich aber auch einer, der Kriminalliteratur und – filme mit Genuß verschlingt. Seine Präsentation des Gebildes „Noir“ reicht weit übers Kino hinaus, er untersucht die Tradition der literarischen Moderne, die französische Nachkriegszeit (Vian, Sartre, die Geburt des Begriffs), die britische Thrillertradition (Graham Greene, nicht Edgar Wallace), die Vorläufer (Berlin, Paris, 20er, 30er Jahre) des Film Noir und auch seine aktuellen Varianten (Neo-Noir, Tarantino ...). Eine perfekte kulturhistorische Studie.

Alain Silver / Elizabeth Ward, Film Noir. An EncyclopedicReference to the American Style, New York1992 [3rd edition]

Neben Naremores gescheiter Studie hilft dieses Lexikon und Referenzwerk ungemein – die wahrscheinlich kompletteste (von Fans und Kennern zusammengestellte, Noir-Enzyklopädie, mit Listen, Indexen, genauen Beschreibungen, ausführlichen Credits. Ein Modell für künftige Lexika zu den anderen Filmgenres.

Christian Cargnelli / Michael Palm, Und immer wieder geht die Sonne auf. Texte zum Melodramatischen im Film, Wien 1994

Das „Melo“ – angeblich nichts für intelligente Menschen, angeblich nur für Hausfrauen und rettungslose Sentimentalisten. Alles Unsinn! Wie Palm und Cargnelli in ihrer umfangreichen und edel produzierten Anthologie zum Film-Melodram zeigen, wohnen in diesem Genre: Sprengkraft, Exzess, produktiv verwirrte Geschlechter- und Gesellschaftsverhältnisse. A Magnificent Obsession.

Andrea Pollach / Isabella Reicher / Tanja Widmann, Singen und Tanzen im Film, Wien 2003

Das Musical-Genre – ebenso beschwingt, singend und tanzend aufbereitet (und hübsch illustriert) wie es die betreffenden Filme selbst sind. Klassische Essays zum Thema (z.T. in deutscher Erstübersetzung) kombiniert mit ebenso vielen neuen Texten, die ungewöhnliche Musical-aspekte in den Blick nehmen: „Race“, Jacques Demy, „Queerness“, kommunistische Musicaltraditionen. Ein Wiener Walzer durchs Genre-Gelände.

David Thomson, Suspects. A Story, London 1985

SEHR ERFINDUNGSREICH UND GUT, ABER AUS.

FILMEMACHER

 Francois Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, München 1973

Muß man dazu noch was sagen? Ja: der Ruf des Buches ist begründet. Eines der schönsten, längsten, detailliertesten, klügsten Gespräche über die Praxis des Filmemachens, die es gibt. Truffaut, der Interviewer, kommt selbst aus der Praxis (und zugleich von der Filmkritik). Hitchcock, der Interviewte, gibt sich immer pragmatisch, erzählt daneben aber auch sehr viel über die intellektuellen (und psychologischen) Hintergründe seiner Thriller, Melodramen, Verfolgungsfilme. Von der UFA in Berlin, Anfang der 20er Jahre, bis zum späten Hollywood um 1970: ein Arbeitsleben in Laufbildern.

Martin Scorsese, David Thompson, Ian Christie, Scorsese über Scorsese, Frankfurt a.M. 1996

Das zweitbeste Gesprächsbuch aus der Praxis des Filmemachens: Scorsese hält sich nicht zurück, sprudelt über, verleiht seiner Begeisterung übers ganze Kino Ausdruck, kehrt aber immer wieder zu den Details der eigenen Filmarbeit zurück. Sehr lehrreich und „ansteckend“.

Jean-Luc Godard, Histoire(s) du cinéma, München 1999 [ECM Records: 4 CDs, 5 Bücher]

Ein Privatkanon: Stroheim (der Anfang, die Gewalt des Naturalismus, das Bild und die Besessenheit) / Fritz Lang (die Moderne, die Technik, der Ton, Herrschaft und Verschwörung) / Scorsese (die eigene Erfahrung und die Kinoerfahrung, Verbrechen und Spätkapitalismus, Pop und Postmoderne). Dazwischen: Godard. Das Kino als Weltmodell und als Waffe (für alles, gegen alles). „Das Aufnehmen eines Bildes und seine Projektion ist immer ein Akt der Freiheit.“ Die „Histoire(s)“ in Bild, Ton und Schrift sind Abschluss und Neuanfang, ein Rückblick aufs Kino und aufs 20. Jahrhundert.

Thomas Elsaesser, Rainer Werner Fassbinder, Berlin 2001

„Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt: wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus?“ (Rainer Werner Fassbinder) Wie das mit Fassbinders eigenem Leben und seinem eigenen, aberwitzigen Filmwerk aussah, erklärt Thomas Elsaesser am besten. Fassbinder tritt hier als Schnittfläche einer großen Untersuchung zu Deutschlandbildern und –geschichten auf.

Alexander Kluge, In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Texte zu Kino, Film, Politik,Berlin 1999

The-Best-of-Kluge-als-Kinoanalytiker: über Realismus, Medien(politik), das Dokumentarische und über die Utopie Film: „Wenn es die Literatur nicht gäbe, sondern nur jährliche Verlagsprogramme, so könnte sich keiner die Utopie vorstellen, die im Werk Melvilles, Balzacs, Flauberts, Döblins enthalten ist; Joyce wäre unzulässig. Die Utopie Film, d.h. die Vorstellung, dass es außer der ungenügenden augenblicklichen Gegenwart noch etwas anderes geben könnte, hat sich bisher nicht entfalten können. Das, was an Versprechen in der Filmgeschichte enthalten ist, ist zuwenig bekannt.“

Josef von Sternberg, Das Blau des Engels. Eine Autobiografie [1965], München-Paris-London 1991

SEHR FLAMBOYANT UND GUT, ABER AUS.

 Bernard Eisenschitz, Nicholas Ray. An American Journey, London 1993

SEHR GENAU UND GUT, ABER AUS.

Wolfgang Jacobsen / Helga Belach / Norbert Grob, Erich von Stroheim, Berlin 1994 

SEHR VISUELL UND GUT, ABER AUS.

EIGENE BÜCHER

 Alexander Horwath, Der siebente Kontinent. Michael Haneke und seine Filme, Wien 1991

Alexander Horwath, Cool – Pop. Politik. Hollywood 1960-68, Wien 1994

Alexander Horwath, The Last Great American Picture Show. New Hollywood 1967-76, Wien 1995

Alexander Horwath, Lisl Ponger, Gottfried Schlemmer, Avantgardefilm. Österreich. 1950 bis heute, Wien 1995

Alexander Horwath, Dietmar Brehm. Party, Wien 2002

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