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Czernin/Schalko vs. Petzner/Haider

Von verkleideten Löwen

und fiktiven Märchen

Stefan Petzner hat den Czernin-Verlag wegen der Veröffentlichung von David Schalkos Roman "Weiße Nacht" verklagt.

Wir waren vor Ort und haben uns diesen Prozess angesehen - was kein Aufwand war, denn nach 20 Minuten war Alles vorbei...

19/02/2010 Phil Mahre biblio.phil 0 Kommentare

Das Buch handelt von verkleideten Löwen, die miteinander spielen

Landesgericht Wien, 18. Februar 2010, 9 Uhr 20. Nach gerade einmal einer Viertelstunde wird im Prozess Petzner vs. Czernin das Urteil gesprochen.

Die Prozessbeobachter werden in den Saal gerufen, nachdem die zehnminütige Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die staatliche Bühne gegangen war: Da es um die intimen Persönlichkeitsrechte Stefan Petzners ging, wurde dem Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit stattgegeben.

In Wirklichkeit stand die Freiheit der Kunst auf dem Spiel - denn  Gegenstand der Klage war der Roman "Weiße Nacht" von David Schalko, der im vergangenen Herbst bei Czernin erschienen ist.

Darin geht es um die unnatürliche, überhöhte und unreflektierte Verehrung, die ein junger, naiver Mann namens Thomas einem namenlos bleibenden Heiland entgegenbringt. Schalko bestreitet gar nicht, dass Petzner und dessen Lebensmensch als Inspiration dienten - doch "Weiße Nacht" ist keine Biographie Petzners, sondern eine Fiktionalisierung, eine Dramatisierung, eine Satirisierung. Da spannen sich die Joop-Jeans, da verkleiden sich Thomas und ER als Löwen, um miteinander zu spielen, da wird Blutsbrüderschaft zelebriert, da hat jemand seinen Lebensmenschen gefunden, da feiert Mann die "Weiße Nacht", da fällt plötzlich die Sonne vom Himmel, da weinen die Delphin-Tattoos.

Dass Petzner im Dezember den Verlag klagte, sorgte für ehrliche Verwunderung Seitens der Buchmacher - und für Freude: Das Buch, dem die Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum durchwegs Lob entgegenbrachten, verkaufte sich nur schleppend. Durch die Aufmerksamkeit rund um die Klage und den gestrigen Prozess wurde der Verkauf deutlich gesteigert, eine zweite Auflage ist praktisch schon in Druck.

Die Klage Petzners war auch insofern eigenartig, weil er nicht, wie in solchen Fällen üblich, auf Unterlassung oder Verkaufsstopp des Romans klagte, sondern auf Schadenersatz, sprich Tantiemen.

Die Richterin machte jedenfalls kurzen Prozess und begründete ihre Entscheidung wie folgt: "Der durchschnittliche Leser erkennt, dass es sich hier um Fantasie handelt. Der Inhalt ist von der Realität vollkommen abstrahiert - wie vorhin ausgeführt: Menschen verwandeln sich in Löwen, oder in Hirschen; die Leitfigut kann die negativen Gefühle anderer in sich aufsaugen und alle Menschen damit glücklich machen", und kommt zu dem Schluss: "Sämtliche Textstellen dürfen nicht einfach herausgegriffen werden, sondern müssen im Kontext des gesamten Buches gelesen werden. Das Werk ist eine Auseinandersetzung mit dem kritiklosen Anschluss an eine Führerfigur. Der Autor benützt den  Antragsteller zur Bloßstellung mithilfe des Stilmittels der Übertreibung, und jene Szenen, in denen sich der Antragsteller wiederzuerkennen glaubt, sind satirisch überhöht. Artikel 17 Staatsgrundgesetz schafft ein absolutes Grundrecht der Freiheit der künstlerischen Gestaltung, und dazu gehört in gewissem Maße auch ein großzügiger Umgang mit der Wahrheit".

Stefan Petzner erkennt das Urteil nicht an und ging in Berufung. ielleicht klappt's ja doch noch mit den Tantiemen.

Dazu gibt es auch einen kurzen Film:

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